Eintagsfliege

Mai 1, 2007

Ich hatte mich gerade mit meiner Freundin gestritten. Sie hält mich für ein Nichts, einen Versager. Als ich widersprach warf sie den CD Spieler nach mir. Es tat verdammt weh obwohl ich sofort Eis zur Hand hatte. Sie hat meine Auge um wenige Zentimeter verfehlt aber es hat trotzdem gesessen.

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Was für ein erbärmlicher Wicht ich bin. Vielleicht sollte ich mich doch aus dem Fenster meiner schlecht möblierten Mietwohnung im vierten Stock stürzen. Was will ich machen? Bald werde ich vierzig und kann mich immer noch nicht selbst versorgen. Es war ein schöner Traum einmal Künstler werden zu wollen. Aber da saß ich nun im fahlen Licht der Energiesparlampe an einem Ikea Küchentisch den ich nicht selbst bezahlt habe mit einer Freundin die endlich heiraten und Kinder kriegen will und mir sagt dass ich eine absolute Null bin. Es war einer dieser Augenblicke in denen das ganze Theater und die ganzen Lügen völlig in sich zusammen brachen. Einer dieser Augenblicke in denen man dem Leben ungeschminkt mit geschwollenem Auge entgegen blickt. Ein kurzes erwachen aus dem Traum.

Voller Selbsthaß nahm ich auf meinem Ikea Küchentisch im Tränenschleier ein Wesen war. Eine Fliege. Grün. Eine Eintagsfliege. Sie saß einfach nur da.

Fliege

Als habe sie alle Zeit dieser Welt sah sie mir gerade in die Augen. Sie erfüllte mich ein wenig mit Mitleid. Sie war ja quasi schon tot obwohl sie gerade erst geboren wurde. Das Leben zog in unbegreiflichem Tempo an ihr vorüber. Und da saß sie nun auf einem Ikea Küchentisch und sah einem selbstmitleidigem Möchtegern-Künstler für ein paar Eintagsfliegenjahre in die Augen. Kein Wunder dass sie ein bisschen depressiv drauf kam und sich garnicht mehr bewegen wollte. Selbst wenn ich sie berührte bewegte sie sich gerade mal um ein oder zwei Schritte zur Seite. Fasziniert holte ich meine Kamera (was Monate für sie dauerte) um das obige Foto zu machen.

Ich glaube wir fühlten uns ein bisschen ähnlich in dem Augenblick. Wahrscheinlich hatte sie auch keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß. Es geht alles nur um Arterhaltung, Replikation, Sex und alles was damit in Verbindung steht. Wie schnöde. Eintagsfliegen existieren seit über 200 Millionen Jahren. Das muss man sich mal reinziehen. Wie viele Generationen sind das wohl? Was macht da eine Generation oder ein Tag schon für einen Unterschied?

Ist mir schon klar dass dies alles bloß alberne Interpretationen in ein Eintagsfliegendasein sind. Doch war ich froh ein wenig Gesellschaft zu haben in dem Augenblick. Ein paar Wodkas später überließ ich die arme Eintagsfliege ihrem weiteren unabwendbaren Schicksal, schaltete das Licht aus und legte mich schlafen. Am nächsten Tag war sie nicht mehr da. Vermutlich habe ich sie eine Woche später aufgesaugt und sie ist im Müll gelandet.